Pressemitteilung vom 18.08.2020

WIR „HORTEN“ NICHT, WIR BEWAHREN!

Thema: Antwort des Vorstandes des Museumsverbandes in M-V auf den OZ-Artikel vom 13. August 2020

Der Museumsverband in Mecklenburg-Vorpommern als engagierter Dachverband von über 200 Museen und musealen Einrichtungen unseres Bundelandes ist zutiefst irritiert über die vom Rostocker CDU-Fraktionschef Daniel Peters in der „Ostseezeitung“ vom 13.8. angestrengten Überlegungen zum Umgang mit den Sammlungen der in der Hansestadt beheimateten Museen.

Dabei gehen Daniel Peters Überlegungen von der nicht korrekten Annahme aus, dass die Museen vor allem dem Zwecke des Zeigens dienen. Diese Überlegungen mögen in einer touristisch ausgerichteten Stadt naheliegend sein, doch ist das Ausstellen nur eine von mehreren gleichberechtigten Aufgaben musealer Einrichtungen: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen/Vermitteln.

Ein Sammlungsobjekt ist nicht deshalb von geringerem Wert als ein anderes, nur, weil es nicht oder nur selten gezeigt wird. Museen treten als Treuhänder der Gesellschaft auf; und nicht nur der heutigen Gesellschaft, sondern eben auch zukünftiger, indem sie sammeln, bewahren und forschen.

Über zum Teil viele Generationen wurde von Privatleuten, engagierten Bürger*innen und Institutionen Kulturgut gesammelt, um es für die Gemeinschaft zu bewahren: Menschen, denen das Gedächtnis der Zivilgesellschaft wichtig war und ist. Welch ein Signal wäre es an all jene Menschen, die der Institution „Museum“ vor allem deswegen so viel Vertrauen entgegenbringen, weil sie sicher sind, dass dort eben nicht verkauft und verramscht wird, weil Kulturgut dem Spekulationsmarkt dauerhaft entzogen ist. Dieses Vertrauen würde mit einem Verkauf von Kulturgut und dem Antasten der mühsam aufgebauten Substanz unserer heutigen Archive und Museen massiv geschädigt werden; schon gar, wenn der Verkauf des „wertlosen“ Kulturgutes dazu dient, die klammen Stadtkassen zu entlasten. Wer ist autorisiert zu entscheiden, welche dieser Erinnerungsstücke für künftige Generationen einen Wert haben werden und welche nicht? Museen, Archive und Bibliotheken sind der materialisierte Erinnerungsspeicher von Kommunen, Nationen und der Menschheit.

Zu den allgemein anerkannten Grundlagen der Museumsarbeit gehört die Verpflichtung, alle einmal aufgenommenen Sammlungsgegenstände prinzipiell für alle Zeiten zu bewahren. Der „ICOM Code of Ethics for Museums“ von 2004 definiert das in Art. 2.18 so: „Das Museum soll Richtlinien festlegen und anwenden, die sicherstellen, dass alle (vorübergehend oder dauerhaft) in seinem Besitz befindlichen Sammlungen und zugehörigen Informationen ordnungsgemäß dokumentiert werden, für gegenwärtigen Gebrauch verfügbar bleiben und an zukünftige Generationen weitergegeben werden und zwar in einem unter Berücksichtigung heutiger Kenntnisse und Mittel möglichst guten und sichtbaren Zustand.“ Die Abgabe von Sammlungsgegenständen stellt daher einen Ausnahmefall dar, dessen Abwicklung nur in engen Grenzen nach vorher festgelegten Richtlinien durchgeführt werden darf.“

Der Verkauf von Gegenständen aus Museen, zumal in Zeiten klammer öffentlicher Kassen, könnte das kulturelle Erbe unseres Landes gefährden, das ja aus der Summe der Artefakte besteht! Zudem würde ein Verkauf einen Tabubruch darstellen, der, entgegen aller ethisch-musealen Richtlinien, zu einem Dammbruch im eigentlich als Konsens anerkannten Verständnis von der Unveräußerlichkeit von Kulturgut führen könnte. Denn es liegt auf der Hand, dass ein jeder Verkauf von Kulturgut einen dauerhaften, nicht wiedergutzumachenden Verlust darstellt, der die Bemühungen von Generationen von Sammlern untergräbt und zudem auch der zukünftigen musealen Arbeit wichtige Arbeitsgrundlagen raubt.

Nur ungern erinnert sich der Museumsverband an den durch undurchdachten politischen Willen zur Sammlungsverkleinerung entstandenen Schaden infolge der in Stralsund erfolgten Verkäufe aus den Beständen des Stadtarchivs. Einen ähnlichen über die Landesgrenzen hinweg wahrnehmbaren politischen Skandal und einen ähnlichen Schaden für alle Beteiligten und auch für die Nachwelt in Rostock würde der Museumsverband M-V gerne zu vermeiden helfen. Auch, um die Bemühungen der Hansestadt um ein Landesmuseum nicht zu torpedieren.

Eine öffentliche Debatte um den Wert auch von nicht „sichtbaren“ Sammlungen und die Kommerzialisierung von Kulturgut erscheint uns in der gegebenen Situation und vor allem im Vorfeld von politischen Entscheidungen dringend angezeigt.

 

Der Vorstand des Museumsverbandes in Mecklenburg-Vorpommern e. V.